10.01.2020, 07:30 Uhr | von | Finanzen

Wie werden sich Kryptowährungen in Zukunft entwickeln und was liegt etwa den Bitcoin-Kursschwankungen in der Vergangenheit zugrunde? Finanz.at hat unter anderem darüber exklusiv mit Krypto- und Anlage-Experte Nikolaus Jilch gesprochen.

Bildquelle: Georg Schober (georgschober.com) | Nikolaus Jilch

Nikolaus Jilch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Agenda Austria und zählt zu den führenden Experten für Geldanlagen und Kryptowährungen in Österreich. In seiner Tätigkeit als Journalist bei der "Presse" hat er unter anderem 2018 gemeinsam mit Kollegen und dem ORF mit dem Fall Optioment einen der hierzulande bekanntesten Fälle von Bitcoin-Betrug aufgedeckt.

Wir haben mit ihm über die aktuelle Situation und die Zukunft von Kryptowährungen gesprochen:

Redaktion: "Der Bitcoin hat im letzten Monat wieder deutlich an Wert verloren. Dennoch kann sich der Kurs - wie wir aus der Vergangenheit wissen - auch schnell wieder erholen und steigen. Ist absehbar, wann sich der Kurs stabilisieren wird?"

Jilch: "Das Hauptproblem beim Bitcoin ist, dass wir zu viele Dinge nicht wissen. Natürlich wissen wir nicht, was in der Zukunft ist – das ist logisch. Wir wissen aber auch nicht hundertprozentig, warum diese Kursanstiege in der Vergangenheit passiert sind. Es gibt dazu unterschiedlichste Theorien von organischem Wachstum über Manipulationen und anderen Ursachen. Bitcoin hatte immer wieder Phasen der extremen Hysterie und der extremen Depression. Anfang 2020 haben wir gesehen, dass es im Krisenfall (Stichwort Iran) auch rasch wieder rauf gehen kann."

Bitcoin-Kurs 2019 / 2020
Bitcoin-Kurs 2019 / 2020

Redaktion: "Werden diese Kursschwankungen in Zukunft weniger hoch ausfallen?"

Jilch: "Was heute im Vergleich zum letzten großen Kursanstieg Ende 2017 bzw. Anfang 2018 neu ist: die ganze Welt kennt heute Bitcoin. Was wir jetzt sehen ist, dass die Spekulationszyklen abflachen und prozentuellen immer weniger dramatisch werden. Das ist das, was bei einem Asset, das darauf ausgelegt ist, verknappt zu sein, zu erwarten ist. Die entscheidende Frage ist: Wo endet das?"

Redaktion: "Und was ist Ihre Antwort darauf?"

Jilch: "Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten. Entweder es endet damit, dass sich Bitcoin als Wertspeicher oder als Transaktionswährung etabliert. Dann müssten wir von einem noch höheren Preis ausgehen. Oder es wird durch eine andere Kryptowährung ersetzt, was zu einem deutlich niedrigeren Wert führen würde."

Redaktion: "Warum haben sich Kryptowährungen bei der breiten Masse der Bevölkerung noch nicht durchgesetzt und gelten weniger als Zahlungsmittel, als viel mehr als Spekulationsobjekt?"

Jilch: "Ja, die einzige Rolle, die Bitcoin bei uns heutzutage spielt, ist die eines reinen Spekulationsobjekts. Bitcoins spielen in den Industrieländern nur in Randbereichen punktuell eine Rolle als Währung, etwa im Darknet. Und das ist sicherlich keine besonders ruhmreiche Rolle. Aus ökonomischer Sicht ist eine Währung, die knapp ist, eigentlich Unsinn. Daran ist schon der Goldstandard gescheitert, da es keinen Sinn hat, wenn eine Währung für sich selbst im Wert steigt. Menschen tendieren dazu, sie eben nicht mehr als Währung, sondern als Anlageprodukt zu verwenden. Wenn ich einen Euro in der Geldtasche und einen Bitcoin im Wallet habe, dann weiß, dass der Euro jedenfalls nicht mehr wert sein wird. Also behalte ich den Bitcoin und gebe den Euro aus."

Redaktion: "Wie sieht das aber in Ländern aus, in denen die Währung im Wert sinkt?"

Jilch: "Wenn man eine hohe Inflation hat und der Wert der Währung deutlich sinkt, wie etwa in Venezuela oder der Türkei, dann gibt man das Geld so schnell wie möglich aus, weil die Kaufkraft sinkt. In solchen Ländern spielt Bitcoin auch eher die eigentlich angedachte Rolle einer Alternativwährung. Beziehungsweise eben die eines Wertspeichers. Wenn ich eine Deflation habe – das ist derzeit bei Bitcoins so – dann gebe ich das tendenziell eher nicht aus. Dieser Widerspruch ist meiner Meinung nach einer der größten Konflikte, den Bitcoin derzeit hat. Soll es ein Wertspeicher sein - oder soll es eine Währung sein?"

Redaktion: "In der jüngsten Vergangenheit hört und liest man immer mehr von Betrugsfällen in Zusammenhang mit Bitcoins und anderen Kryptowährungen. Spielen diese Fälle, wie etwa die Causa Optioment, eine Rolle, dass viele Menschen von Kryptowährungen abgeschreckt werden? Der durchschnittliche Bürger wird ja derzeit sein Geld eher nicht in Bitcoins anlegen."

Jilch: "Ja, und das ist wohl vernünftig. Kryptowährungen sind in jedem Fall – egal wie man das sieht – eine hochriskante Geschichte, die nichts mit einer soliden Geldanlage zu tun hat. Für risikofreundliche Anleger kann es zwar eine Möglichkeit sein, dass der Kleinanleger abgeschreckt wird, ist aber verständlich. Leider ist es auch sehr anfällig für Betrüger und Kriminelle, auch wenn es durchaus viele seriöse und integre Projekte gibt."

Die Causa Optioment ist in Österreich einer der bekanntesten Fälle von Anlegerbetrug mit Bitcoins. Im Rahmen von Veranstaltungen wurden Anleger durch Versprechen von hohen Zinszahlungen dazu verleitet, in Bitcoins zu investieren. Auszahlungen waren letztlich nicht mehr möglich, das Geld verloren und die Drahtzieher verschwunden. Die Bitcoins von Optioment sollen zum damaligen Zeitpunkt einen Wert von fast 100 Millionen Euro betragen haben.

Redaktion: "Regierungen warnen auch vor Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung in Zusammenhang mit Kryptowährungen. Besteht dieses Risiko tatsächlich?"

Jilch: "Dafür gibt es eigentlich keine Beweise. Dass Kryptowährungen für Geldwäsche und Terrorismusfinanzierungen verwendet werden, ist bisher eine reine Behauptung."

Redaktion: "Das geplante Gesetz zur Umsetzung einer neuen Geldwäscherichtlinie der EU soll auch für Kryptowährungen gelten. Wenn vielleicht auch Banken bald Kryptowährungen verwahren oder verkaufen dürfen, wie etwa in Deutschland geplant, welche Auswirkungen hätte das auf den Kryptomarkt? Kryptowährungen leben doch eigentlich von der Anonymität und "fehlenden" Regulierungsmöglichkeiten durch Staaten und Banken."

Jilch: "Die Regulierungen sind grundsätzlich nicht schlecht. Sie geben ja auch Rechtssicherheit. Es ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung, wenn Bitcoin denselben Richtlinien unterworfen wird, wie Gold, Bargeld oder andere Assets, was die Geldwäsche betrifft. Auch wenn derartige Fälle bisher noch nicht bewiesen sind, ist es positiv, dass Kryptowährungen in die Geldwäscherichtlinie aufgenommen werden. Die meisten Betrugsfälle sind vor allem dadurch so groß ausgefallen, weil zu diesem Zeitpunkt ein Hype entstanden und dadurch der Kurs extrem gestiegen ist."

Redaktion: "Welche Interesse hätten Banken am Kryptomarkt?"

Jilch: "Die Banken sind jetzt auch nicht uninteressiert daran, ein neues Produkt in ihrem Portfolio zu führen und wollen natürlich auch junge Investoren ansprechen."

Redaktion: "Könnte es den Kryptowährungen auch mehr Seriosität beim durchschnittlichen Bürger verschaffen, wenn Banken sie in ihrem Portfolio führen?"

Jilch: "Das könnte durchaus sein, ja. Aber die Frage ist, warum sollte der durchschnittliche Bürger überhaupt Bitcoin besitzen? Um sie als Währung zu nutzen? In der westlichen Welt haben wir bereits ein gutes und stabiles Währungssystem. Man kann davon ausgehen, dass der Euro, den man heute erhält, morgen in etwa dasselbe Wert ist. Wozu sollten wir also eine andere, eher riskante Währung nutzen? Aus heutiger Sicht wird Bitcoin bei uns eher wie Gold genutzt werden – also als Wertspeicher."

Redaktion: "Gibt es Regionen, in denen Kryptos dennoch als Währung bereits Verwendung finden?"

Jilch: "Ja, diese Regionen gibt es. Argentinien macht etwa alle zehn Jahre ein Hyperinflation. Auch in anderen Ländern, wie der Türkei hat man starke Inflationen und Wertverluste erleiden müssen. In Venezuela ist die Landeswährung komplett am Boden. Da gibt es genügend Beispiele. In Ländern und Gegenden abseits der industrialisierten Welt ist die Landeswährung oft nicht so verlässlich und stabil. Dort hat man daher auch ein höheres Interesse an Kryptowährungen als Zahlungsmittel und der Bitcoin etwa wird zu einem Teil sehr wohl bereits als solches verwendet. Wertet die Landeswährung täglich ab, spielt auch die Volatilität von Kryptos keine Rolle mehr. Die Realität in diesen Staaten dürfen wir nicht ignorieren."

Redaktion: "Welche Rolle spielen die aktuell niedrigen Zinsen bei konservativen Anlageprodukten?"

Jilch: "Die niedrigen Zinsen, die man aktuell für Spareinlagen und klassische Anlageprodukte bekommen, könnten in Zukunft sehr wohl eine Rolle spielen. Aufgrund der niedrigen Zinsen ist man heute eigentlich schon gezwungen, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen. Da besteht also eine Möglichkeit, dass ein Teil des Geldes in Zukunft auch in Kryptowährungen angelegt wird. Kryptos sind vor allem bei jungen Anlegern beliebt. Wobei da auch ein Trend in Richtung ETFs und ähnlichen Fonds zu beobachten ist.“

Redaktion: "Welche Rolle wird Facebooks digitale Währung Libra spielen? Die EU sagte der ihr den Kampf an, sie wurde von mehreren EU-Finanzministern als "gefährlich" eingestuft. Wie wird sich das auf die geplante Einführung von Libra 2020 auswirken? Leidet Libra etwas unter dem schlechten Ruf von Bitcoin?"

Jilch: "Also, das macht Facebook schon selbst. Facebook leidet schon unter seinem eigenen schlechten Ruf. Libra ist ein Gemeinschaftsprojekt, das eigentlich nicht als "Facebook-Währung" eingeführt werden sollte. Das würde nicht funktionieren. Mit Bitcoin hat Libra im Grunde nicht viel zu tun, wenn es auch ein paar Gemeinsamkeiten gibt. Im Grunde ist es nichts anderes als eine private Währung und das Libra-Konsortium eine private Zentralbank."

Redaktion: "Warum reagieren Regierungen und Zentralbanken so allergisch auf Libra?"

Jilch: "Der Grund dafür ist genau das: Facebook ist ein großes Unternehmen und könnte mit Libra einen neuen Markt eröffnen. Die Reaktion zeigt, dass Regierungen und Zentralbanken Libra deutlich ernster nehmen als andere Kryptowährungen. Wenn Facebook es durch den Netzwerkeffekt schafft, ein Ökosystem aufzubauen, das es ermöglicht, weltweit so schnell und einfach Geld hin und herzuschicken, wie ein Foto, dann erschafft Facebook damit praktisch eine globale Währung. Das hätten Zentralbanken auch gerne, bekommen es bislang aber nicht auf die Reihe. Mit Libra würde ein privates Unternehmen aber genau das schaffen."

Redaktion: "Ist die Einführung von Libra im kommenden Jahr nach diesem starken Gegenwind in den letzten Monaten überhaupt realistisch?"

Jilch: "Wir werden sehen, ob es Libra jemals geben wird. Das ist derzeit sehr fraglich, auch wenn man eine Einführung bereits angekündigt hat."

Redaktion: "Vielen Dank für das Gespräch."

Mehr Informationen: Kryptowährungen

Daniel Herndler
Email: dh@finanz.at
Chef-Redakteur, Ressort-Leiter Steuern und Finanzen
Experte für Steuern, Finanzen, Wirtschaft und Börse
Redaktion | Kontakt | Twitter: @DanielHerndler | Salzburg
Daniel Herndler ist Wirtschaftsjournalist, Herausgeber und Chef-Redakteur des Nachrichtenportals Finanz.at. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Steuern, Finanzen und Wirtschaft.

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