20.11.2019, 14:42 Uhr | von | Arbeitnehmer
Reportage

Oft ist in den diversen Medien von einem Ärztemangel die Rede. Aber welche Auswirkungen hat dieser auf die Österreicherinnen und Österreicher wirklich?

Der Mangel an Ärzten in Österreich und seine Folgen
Bild: Finanz.at / pixabay.com (Montage) | Der Ärztemangel in Österreich

Die Sprecherin der ÖVP für Gesundheit, Ingrid Korosec, teilte kürzlich mit, dass eine Wartezeit von mehreren Monaten für eine medizinische Behandlung oder Operation in einer Metropole wie Wien inakzeptabel sei. Sie fordert eine Stärkung der Grundversorgung sowie eine Entlastung der Krankenhäuser.

Es gibt aber auch Probleme in den anderen Bundesländern, zum Beispiel in Salzburg. Landtagsabgeordneter Gerald Forcher erwähnte unerträgliche Latenzzeiten für den Betrieb in Salzburg. Er befürchtet, dass Österreich mit der Zeit die gleiche Situation haben könnte wie sie in den USA ist - Patienten, die zahlen bzw. mehr zahlen können, werden eher behandelt oder operiert als solche, die nicht bezahlen können.

Ärztedichte nach Bundesländern (Quelle: aerztekammer.at)
Ärztedichte nach Bundesländern (Quelle: aerztekammer.at)

Die Grafik zeigt die Konzentration der Ärzte in Österreich im Jahr 2018 pro 1.000 Einwohner. Wie wir sehen können, hat Wien mit mehr als 6 Ärzten pro 1.000 Einwohner die höchste Ärztedichte. Nach Wien haben Tirol und Salzburg mit 5,5 bis weniger als 6 Ärzten pro 1.000 Einwohner die zweitgrößte Frequenz. Auffällig ist, dass Österreich drei Bundesländer mit weniger als 4,5 Ärzten pro 1.000 Einwohner hat, Oberösterreich, Vorarlberg und Burgenland.

Junge Ärzte als Bewahrer des Systems

Die meisten AbsolventInnen der Medizin glauben, dass sie anfangen, in einem Krankenhaus oder einer Praxis zu arbeiten und dort weiterarbeiten. Umfragen zeigen jedoch das Gegenteil. Besonders junge Menschen werden als Bewahrer des Systems gehalten. Sie erledigen zu viele bürokratische Aufgaben für das Pflegepersonal, beispielsweise das Schreiben von Arztbriefen, das Kopieren von Befunden, das Entnehmen von Blutproben, das Anbringen von Infusionen und das Messen des Blutdrucks. Dies lässt ihnen weniger Zeit für ihre eigentliche medizinische Arbeit und wirkt sich wiederum auf die Wirksamkeit der Pflege aus.

Der Boom der gesetzlich nicht anerkannten Ärzte

Heute gibt es in Wien rund 1.500 von der gesetzlichen Krankenkasse anerkannte Ärzte - vor zehn Jahren waren es noch 1.800 in Wien. Auch wenn die Bevölkerung in dieser Zeit um 200.000 Menschen angestiegen ist und die Bevölkerung älter wird, sinkt die Zahl der gesetzlich anerkannten Ärzte. Andererseits stieg die Zahl der freiwilligen Ärzte in 10 Jahren von 2.979 auf 3.447.

Ein freiwilliger Arzt ist ein nicht gesetzlich anerkannter, von einer Krankenversicherung anerkannter Arzt nach Wahl, dessen Rechnung ganz oder teilweise von der Krankenversicherung des Patienten bezahlt wird. Ein akkreditierter Arzt hat einen Vertrag mit einer oder mehreren Krankenkassen abgeschlossen. Die erbrachten Leistungen werden zwischen den Vertragsparteien aufgeteilt. Immer mehr Ärzte entscheiden sich aus zwei Gründen dafür, ein/e nicht von der gesetzlichen Krankenkasse akkreditierte/r Arzt oder Ärztin zu sein. Der erste Grund hat einen finanziellen Hintergrund. Der Gebührenkatalog der Krankenkassen ist teuer und unattraktiv. Darüber hinaus gibt es mehr Privatpatienten, was diesen Bereich für Ärzte rentabler macht.

Auswirkungen des Ärztemangels

Der Ärztemangel bringt viele Auswirkungen und Probleme mit sich. Ein Einfluss des Ärztemangels ist, dass PatientInnen sehr lange auf verschiedene Operationen und Behandlungen warten müssen. Man kann aus Aufzeichnungen sehen, dass im Mai 2019 92 Patienten in der Rudolfsstiftung eine Bandscheibenoperation durchführen mussten. Diese mussten fast ein halbes Jahr warten, um sich dieser Operation unterziehen zu können. Im Otto-Wagner-Spital mussten 171 Patienten 177 Tage auf eine Knietotalendoprothese warten.

Darüber hinaus gibt es auch einige andere Probleme. Patienten, die privat versichert sind oder mehr Geld verdienen, haben mehr Möglichkeiten als Personen, die weniger verdienen oder nicht privat versichert sind. Patienten, die privat für ihre Behandlung bezahlen, bekommen früher einen Termin als Menschen, die zu gesetzlich anerkannten Ärzten gehen. Eine große Anzahl von Menschen in Österreich hat nicht genug Geld für diese Behandlungen und muss daher zu Kassenärzten gehen und Monate auf einen Termin warten. Das lange Warten verursacht das Problem, dass Menschen krankgeschrieben werden müssen. Dies bedeutet, dass ein Unternehmen für seine/n Angestellten zahlen muss, obwohl er oder sie nicht arbeitet bzw. der Betrieb eine/n ArbeitnehmerIn aufgrund der Krankheit verliert.

Was kann gegen den Ärztemangel getan werden?

Eine Erhöhung der Ärztezahl würde den Ärztemangel in Österreich nicht beseitigen. Daher ist es wichtig, umfassende und nachhaltige Reformen einzuleiten. Es sollte eine Aktualisierung des Leistungskatalogs der Krankenversicherungen, Strukturreformen in Krankenhäusern und bessere Möglichkeiten für allgemeine und berufliche Bildung geben. Andere Möglichkeiten könnten Forschungsbeteiligungen für junge ÄrztInnen sein, die Senkung der Barrieren bei der Gründung einer Gemeinschaftspraxis und eine bessere Bezahlung im Gegensatz zum Durchschnitt in Europa.

 

Referenzen:

aktualisiert: 20.11.2019, 14:42 Uhr
Richard Baidinger
Email: rb@finanz.at
Redakteur, Ressort Wirtschaft und Finanzen
Experte für Wirtschaft und Finanzen
Redaktion | Kontakt | Wien
Richard Baidinger ist Experte und Redakteur für Bank- und Finanzwirtschaft aus Wien.

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