22.10.2019, 14:21 Uhr | von | Arbeitnehmer

Die Lohnverhandlungen für über 500.000 Beschäftigte im Handel starten heute. Die Metaller-Gewerkschaft fordert viel, obwohl eine ganz andere Basis vorliegt.

Lohnverhandlungen: Streitlaune zweier Gewerkschaften
Bild: pixabay.com / rawpixel

Zunächst gab es den Anschein, als würde die Metaller-Lohnverhandlung im heurigen Jahr relativ gemächlich über die Bühne gehen. Nun ist es aber so, dass die Gewerkschaft den „Arbeitskampf regelrecht in die Betriebe trägt“. Diese Äußerung tätigt der Arbeitnehmer Chef-Verhandler Rainer Wimmer von der Industriegewerkschaft Pro-Ge. Die Gewerkschaft wird Betriebsversammlungen abhalten, sofern kommenden Montag noch keine Einigung über die Löhne von 130.000 Beschäftigten erzielt wurde. Die Gewerkschaft fordert 4,5 % Lohnerhöhung und weitere Benefits, wie etwa das Recht auf die Vier-Tage-Woche. Dies stößt auf Seiten der Arbeitgeber auf Ablehnung, welche ein Plus von 1,8 % anbieten, was in etwa der Abgeltung der Inflation entspricht. Aus diesem Grund ist es nicht überraschend gewesen, dass die vierte Verhandlungsrunde vergangenen Mittwoch ohne Ergebnis abgebrochen wurde.

Mehr Urlaub für alle wird gefordert

Die Stimmung ist auch im Handel aufgeladen, dessen Bereich 413.000 Angestellte, 135.000 Arbeiter und 15.000 Lehrlingen umfasst. Heute starten die Lohnverhandlungen des Handels. Ein durchschnittliches Lohnplus von 4,4 % wird von der Handelsgewerkschaft gefordert. Dies ist fast so viel, wie die Metaller fordern. Außerdem werden drei extra Urlaubstage pro Beschäftigten gefordert.

Die Löhne im Handel sind niedriger als die in der Metallbranche. Eine Verkäuferin bzw. ein Verkäufer verdient zum Einstieg durchschnittlich zwischen 1.634 und 1.677 € brutto pro Monat. Je nach Gehaltsschema variieren diese Werte. In der Metallindustrie startet eine Hilfsarbeiterin/ein Hilfsarbeiter mit rund 2.142 € brutto Monatsgehalt. Das Ausbildungsniveau im Handel ist eher gering, während es in der Industrie der Fall ist, dass ungelernte Jobs vermehrt ins Ausland verlagert und im Inland Fachkräfte benötigt werden.

Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten im Einzelhandel stehen in einem Teilzeit-Arbeitsverhältnis. Marktforscher und Handelsexperte Andreas Kreutzer meint, dass es im Handel kaum Produktivitätsgewinne gäbe, weswegen er keine nachvollziehbare Basis dafür sieht, dass der Handel so viel verlangt wie die Metaller. Er ist außerdem der Meinung, dass ein Abschluss von bis zu 0,3 Prozentpunkten über der Inflation als gerechtfertigt anzusehen ist.

Für die Gewerkschaft ist es jedoch viel zu wenig. Sie macht auf den zunehmenden Druck im Arbeitsalltag, die steigenden Lebenshaltungskosten und auf die von Grund auf niedrigen Einkommen im Handel aufmerksam. Eine aktuelle Umfrage hatte zum Ergebnis, dass 56 % der Befragten angaben, immer bzw. meistens im Stress zu sein. Dies ist auch ein Grund für die Forderung nach zusätzlicher Freizeit.

Verärgerte Arbeitgeber

Stephan Mayer-Heinisch, der Präsident des Handelsverbandes, nennt die Forderungen nach einem Gehaltsplus von 4,4 % realitätsfremd. Der Handels-Obmann der Wirtschaftskammer, Peter Buchmüller, fordert außerdem die Gewerkschaft auf, eine seriöse Forderung zu stellen. Die Gewerkschaft hat dieses Jahr das erste Mal die Anliegen über die Medien kommuniziert, anstatt wie es bisher üblich war, in der ersten Verhandlungsrunde. Dieser Umstand sorgt bei vielen für eine nicht gerade gute Stimmung.

Mehr Informationen: Gehalt

aktualisiert: 22.10.2019, 15:02 Uhr
Richard Baidinger
Email: rb@finanz.at
Redakteur, Ressort Wirtschaft und Finanzen
Experte für Wirtschaft und Finanzen
Redaktion | Kontakt | Wien
Richard Baidinger ist Experte und Redakteur für Bank- und Finanzwirtschaft aus Wien.

Schlagwörter:

GewerkschaftLohnverhandlungenMetallerHandel

Melden Sie sich zum kostenlosen Newsletter an und erhalten Sie immer aktuelle Infos und News sofort per Email.
Mehr Schlagzeilen

Alle Informationen zu den Richtlinien finden Sie hier. Kontaktieren Sie uns für Ihr Feedback!