Ist wenig arbeiten zu attraktiv in Österreich?

20.10.2019, 11:18 Uhr | von | Arbeitnehmer

In Österreich ist es sehr beliebt, einer Arbeit mit reduzierter Stundenanzahl nachzugehen. Teilzeit-Arbeit kann sich für manche wirklich auszahlen.

Ist wenig arbeiten zu attraktiv in Österreich?
Bild: pixabay.com / dimitrisvetsikas1969

Österreich ist, wenn es um Teilzeitarbeit geht, sehr weit vorne. Rund 28,4 Prozent der in Österreich Beschäftigten arbeiten nicht in einem Vollzeitangestelltenverhältnis. Dies geht aus dem aktuellen Zahlen der EU-Statistikbehörde Eurostat hervor. Nur in den Niederlanden gibt es einen höheren Anteil an Teilzeitbeschäftigten als er in Österreich ist. Vor allem für Frauen ist dieser Bereich ein Thema. So arbeiten beinahe 50 Prozent aller Frauen in Österreich nur Teilzeit, bei den Männern sind es nur 11 Prozent.

Ein Grund, der für den hohen Anteil an TeilzeitarbeiterInnen in Österreich genannt werden kann, ist der steuerliche Anreiz für solche. Diese sehen viele als viel zu hoch. Diese Anreize bewirken, dass viele erst gar nicht nach einer Vollzeitarbeitsstelle suchen.

Steuerliche Anreize

Die Anreize von Teilzeitangestellten sind vor allem im Bereich der Steuern und Abgaben zu finden. So sind nämlich Einkommen bis zu einer Bemessungsgrundlage von 11.000 Euro von der Lohnsteuer ausgenommen. Dies bedeutet, dass jemand, der in einem Teilzeitverhältnis steht, folglich auch weniger Steuern und Abgaben als jemand in einem Vollzeitarbeitsverhältnis bezahlt. Dies kann in einem Brutto-Netto-Rechner mit nur wenigen Klicks nachgeprüft werden. Der Median des Verdienstes eines ganzjährig Vollzeitbeschäftigten beträgt laut Statistik Austria 41.510 Euro. Dies würde in anderen Worten einen Nettoverdienst von 1.996 Euro monatlich bedeuten.

Würde die betrachtete Person die Arbeitszeit von 40 auf 30 Stunden verringern, würde sie 1602 € netto verdienen. Dies würde bedeuten, dass sie nur 75 % der Arbeitszeit leistet, Aber immer noch 80 % des Einkommens erhält. Bei einer Arbeitszeit Verringerung auf 25 Stunden wäre das eine prozentuale Verringerung der Arbeitszeit um 63 %, wobei die Person immer noch 72 % des Einkommens erhalten würde.

Relativ gesehen steigt man also besser aus, wenn man seine Arbeitszeit reduziert. Im Nationalrat wurde etwa auch die Senkung der Beiträge zur Sozialversicherung beschlossen. Beschäftigte, die ein Monatsgehalt von 1381-1948 Euro brutto beziehen, bezahlen kaum bis keine Arbeitslosenversicherung mehr, sind dennoch aber voll versichert. Es gibt zahlreiche Anreize, die zu hoch sind und es kommen laufend neue dazu. Etwa der Anspruch auf einen Zuschlag von 25 % pro Stunde, wenn mehr als die vereinbarte Stundenzahl gearbeitet wird, ist laut der Wirtschaftskammer in der EU einzigartig.

Theorie und Praxis

Betrachtet man die Situation in der Praxis, so merkt man schnell, dass die Stundenlöhne von Seiten der Beschäftigten im Durchschnitt gesehen niedriger als die von vollzeitbeschäftigten Personen sind. In schlechter bezahlten Jobs wird auf Teilzeit gearbeitet, wohingegen hoch qualifizierte Jobs eher in Vollzeit verrichtet werden. Wenn jemand in einem Teilzeit-Beschäftigungsverhältnis steht, hat er oder sie grundsätzlich geringere Karrierechancen und später auch einmal das Problem, wieder auf das volle Stunden Ausmaß aufzustocken. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn über eine sehr lange Zeit Teilzeit gearbeitet wurde. Außerdem kann „die Rückkehr“ in ein Vollzeit-Angestelltenverhältnis oftmals teuer kommen, da plötzlich mehr Abgaben und Steuern anfallen können.

Mütter arbeiten weniger viel

Befragungen haben gezeigt, dass in der Regel Frauen aufgrund von Kinderbetreuung oder aber auch Pflege von Angehörigen Teilzeit arbeiten. Männer hingegen nutzen die Zeit eher für Weiterbildungen. Dem Ergebnis einer aktuellen Studie der Arbeiterkammer zur Folge, arbeiten Mütter von zwei- bis dreijährigen Kindern, welche in einem Teilzeit Arbeitsverhältnis stehen, im Durchschnitt 19,8-21 Stunden in der Woche, bei Männern beträgt die wöchentliche Stunden Anzahl 20-27.

Die Leiterin der Abteilung Frauen und Familie der Arbeiterkammer Wien, Ingrid Moritz, sieht Teilzeitbeschäftigung nicht als Ergebnis steuerliche Anreize. Ihrer Meinung nach würde die Kürzung der Begünstigungen für Teilzeit-Angestellte nur bewirken, dass Frauen weniger Geld haben als ohnehin schon.

Richard Baidinger
Email: rb@finanz.at
Redakteur, Ressort Wirtschaft und Finanzen
Experte für Wirtschaft und Finanzen
Redaktion | Kontakt | Wien
Bio: Richard Baidinger ist Experte und Redakteur für Bank- und Finanzwirtschaft aus Wien.

Schlagwörter:

TeilzeitVollzeitSteuerLohnsteuer

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