04.03.2021, 13:02 Uhr | von | Wirtschaft
Hygiene Austria: Skandal um Maskenhersteller weitet sich aus
Bildquelle: Finanz.at (Montage) | Deals mit Schutzmasken

Nach der Hausdurchsuchung bei der Hygiene Austria LP GmbH ermitteln die WKStA und die Kripo nun wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betrugs und der organisierten Schwarzarbeit. Die Opposition vermutet auch Verbindungen zur ÖVP - immerhin sei die Büroleiterin von Kanzler Kurz mit dem Geschäftsführer der Hygiene Austria verwandt.

Nach der am Dienstag erfolgten Razzia beim heimischen Schutzmasken-Hersteller Hygiene Austria wegen mutmaßlich umetikettierter Masken aus China ermittelt die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) wegen des Verdachts der organisierten Schwarzarbeit sowie schweren gewerbsmäßigen Betrugs.

Laut Aussagen eines Insiders gegenüber "Kurier" und "Oe1" soll etwa die Rechnung für eine Lieferung von 20 Millionen chinesische Masken an eine Stiftung in Liechtenstein gegangen sein. Die Lieferung selbst sei für die Ukraine bestimmt gewesen, heißt es. Es sei ein "merkwürdiges Geschäft" gewesen. Auch die Kripo Niederösterreich ermittelt nun in diesem Fall. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Opposition vermutet Verbindung zur ÖVP

Seitens der Opposition werden nun Verbindungen zur ÖVP - allen voran Bundeskanzler Sebastian Kurz - vermutet. Immerhin habe Kurz sich gemeinsam mit mehreren Ministern und Spitzenpolitikern im Mai 2020 bei Hygiene Austria bedankt und Betrieb hoch gelobt. Auch soll im Zuge der raschen Gründung der HYGIENE AUSTRIA LP GmbH, deren Gesellschafter die Lenzing AG Anteil (50,10%) und Palmers Textil AG (49,90%) sind, Hilfe von Ministerien erbeten und in Anspruch genommen haben.

Brisant ist vor allem, dass der Geschäftsführer der Hygiene Austria, Tino Wieser, der Schwager der Büroleiterin des Kanzleramts ist. Diese wiederum ist die Ehefrau von Palmers-Vorstand Luca Wieser. Die ÖVP bestreitet eine politische Verbindung zur Hygiene Austria.

Zudem sei auch die Ehefrau von Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) für die PR-Firma Schütze tätig, die wiederum die Kommunikation der Palmers Textil AG betreut.

Für die Opposition kann man hier nicht mehr nur von Zufällen sprechen - man fordert rasche Aufklärung seitens der Volkspartei und Bundeskanzler Kurz. Die NEOS haben zur Causa bereits eine parlamentarische Anfrage eingebracht.

Hygiene Austria gesteht Zulieferung aus China

In einer Pressemitteilung der Hygiene Austria gesteht man am Mittwochabend die Zulieferung von Masken eines chinesischen Herstellers "nach dem Baumuster aus Österreich" ein. Man habe damit die hohe Nachfrage bedienen wollen. Der Verdacht besteht nun aber, dass die chinesischen Beipackzettel mit deutschen Zetteln ausgetauscht wurden, um vorzutäuschen, die Produkte seien "Made in Austria".

Die Masken seien laut Hygiene Austria in der Schweiz zertifiziert worden - die Kennung aber deutet auf Ungarn. Aufgrund der Ermittlungen und diverser Ungereimtheiten ziehen erste große Abnehmer der Schutzmasken bereits Konsequenzen.

Supermärkte nehmen Masken von Hygiene Austria aus dem Sortiment

Die Supermarktkette Spar nimmt nach den jüngsten Entwicklungen die FFP2-Masken von Hygiene Austria aus dem Sortiment. "Da wir unseren Kunden nur Ware anbieten möchten, wo das auch drin ist, was drauf steht, nehmen wir die Hygiene Austria Masken aus dem Sortiment", hieß es von Spar auf APA-Anfrage. "Man kann derzeit nicht garantieren, dass die Masken aus Österreich sind und daher dieser Schritt."

Ab sofort können keine FFP2-Masken von Hygiene Austria mehr bei Spar gekauft werden. "Es ist eine Kassensperre eingerichtet und die Ware wird aus den Regalen geräumt", sagte Spar-Sprecherin Nicole Berkmann. Man habe aber genügend andere FFP2-Masken für Mitarbeiter und Kunden aus europäischer und asiatischer Produktion vorrätig.

Auch REWE, Hofer und dm nehmen die Masken vorsorglich aus den Regalen. Zuvor hatte bereits am Mittwoch die Bundesbeschaffungsagentur BBG bekanntgegeben, dass man alle Verträge mit Hygiene Austria auf Eis legen und keine weiteren Masken bestellen werde.

aktualisiert: 04.03.2021, 13:04 Uhr
Daniel Herndler
Email: dh@finanz.at
Chef-Redakteur, Ressort-Leiter Steuern und Finanzen
Experte für Finanzen, Steuern, Wirtschaft, Arbeitnehmer
Redaktion | Kontakt | Twitter: @DanielHerndler | Salzburg
Daniel Herndler ist Wirtschaftsjournalist, Herausgeber und Chef-Redakteur des Nachrichtenportals Finanz.at. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Steuern, Finanzen und Wirtschaft.

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