14.02.2021, 14:25 Uhr | von | Wirtschaft
'Kaufhaus Österreich' wird überteuerte Ratgeber-Webseite
Bildquelle: kaufhaus-oesterreich.at / APA / Finanz.at (Montage) | Kaufhaus Österreich

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck verteidigt abermals das gescheiterte Millionen-Projekt "Kaufhaus Österreich" als Erfolg für die Händler in der Corona-Krise. Vor allem der Bekanntheitsgrad, den die "werthaltige Plattform" erlangt hat, sei gut gelungen. Nun soll die Website eine völlig überteuerte Ratgeber-Seite (bisher 1,26 Mio. Euro) für Unternehmer werden.

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) hat wegen der Rücktrittsaufforderung aufgrund des missglückten "Kaufhaus Österreich" den politischen Stil beklagt, wo sofort diffamiert und skandalisiert werde, so die Ministerin am Sonntag in der ORF-Pressestunde. Sie räumte ein, dass die Suchfunktion technisch nicht gut umgesetzt war. Diese habe aber nicht 1,2 Mio. Euro, sondern nur 127 Euro pro Shop gekostet. Am Ende seien 3.000 regionale Händler an Bord gewesen.

"Kaufhaus Österreich" soll als "werthaltige Plattform" weiterbestehen

Das "Kaufhaus Österreich" werde als Händlerplattform weiterbestehen und sei ein wichtiger Teil der E-Commerce-Initiative des Ressorts. Daher gebe es auch keinen Schaden von 1,2 Mio. Euro, wie von der Opposition kritisiert. "Was gut gelungen ist, ist der Bekanntheitsgrad", verteidigte sich Schramböck. Die Plattform sei zu zwei Dritteln im Haus entwickelt worden, zu einem Drittel seien externe Firmen beteiligt gewesen. Zuständig für die externe Vergabe sei nicht sie als Ministerin sondern das Rechenzentrum LFRZ gewesen.

Verfolgt man die Kritik in diversen sozialen Medien, so dürfte der Bekanntheitsgrad jedoch nicht aufgrund des Erfolges oder der Qualität der Plattform entstanden sein. Getreu dem Motto "Bad Publicity is better than no publicity" versucht Wirtschaftsministerin Schramböck daraus dennoch eine positive Bilanz zu ziehen.

Die Ministerin sagte, sie habe auch nie gesagt, dass es eine Amazon-Kopie sei. Sie werde sich auch nicht entschuldigen, eben weil es kein Fiasko gewesen sei. Es gehe ihr darum, regionale Händler zu stärken und ins Internet zu begleiten, weil im Online-Shopping viel Geld ins Ausland abfließe. Ab Mitte März werde sie eine neue Förderung in Höhe von 15 Mio. Euro auflegen, um Firmen bei ihren E-Commerce-Aktivitäten zu unterstützen.

Webseite soll Trainings für Händler anbieten

Die Website von Kaufhaus Österreich werde nun - nach dem Offline-Nehmen der Suchfunktion - für Tutorials und Trainings weiter genützt. Außerdem seien im Zuge des Projekte zwei Register, das Unternehmensserviceportal und Firmen A-Z, verbunden worden, was für weitere Verwaltungsaufgaben noch wichtig sei. So sollen über Firmen A-Z künftig Firmenbuchauszüge möglich sein, kündigte Schramböck an.

40 Ratgeber-Texte für über eine Million Euro?

Derzeit sind auf der Plattform rund 40 Ratgeber für diverse Online-Themen verfügbar. Diese umfassen jedoch lediglich sehr oberflächliche und kurze Inhalte zu den jeweiligen Themen. Der Ratgeber zur "Suchmaschinenoptimierung" besteht etwa aus knapp 500 Wörtern. Ob das für einen Händler, der sich zum ersten Mal mit eCommerce beschäftigt, eine ausreichende Hilfe darstellt, ist fragwürdig.

Damit versenkte das Wirtschaftsministerium bisher über eine Millionen Euro an Steuergeld für eine reine Informations-Webseite mit einigen wenigen Ratgebern zu diversen Digital-Themen.

Besonders bizarr: Die Webseite, die Händlern bei ihrem Weg zur "Online-Präsenz" mit Tutorials und Trainings helfen möchte, scheint in vielen Belangen selbst die Voraussetzungen dafür nicht zu erfüllen. Schramböck, die vor ihrer Zeit als Wirtschaftsministerin unter anderem die A1 Telekom Austria geleitet hatte und sich selbst als digitale Expertin einschätzt, möchte diesen Weg dennoch fortführen.

Ministerin verteidigt auch Coronahilfen

Die Wirtschaftsministerin verteidigte auch die Coronahilfen. In Deutschland sei "kein einziger Euro vom Umsatzersatz geflossen, bei uns Milliarden." Tatsächlich sind die November- und Dezember-Hilfen in Deutschland nur zögerlich angelaufen. Laut Angaben vom deutschen Wirtschaftsministerium vom 8. Februar waren bis dahin rund 5,2 Milliarden Euro ausbezahlt.

Keine Steuererhöhungen geplant

Schramböck deponierte in dem Fernsehinterview auch ihr "klares Nein" zu Steuererhöhungen. Man müsse die heimischen Firmen beim Wachstum und sie in der nächsten Phase der Coronapandemie beim Eigenkapital unterstützen. "Wir dürfen sie nicht belasten", so die ÖVP-Ministerin. Sie widersprach auch dem KTM-Chef und ÖVP-Großspender Stefan Pierer. Sie sei nicht der Ansicht, dass in Kurzarbeit geparkte Mitarbeiter den Fachkräftemangel verschärften, so Schramböck.

Ihr sei es als Wirtschaftsministerin gelungen, dass Novartis und Infineon weiter in Österreich produzieren und "ich freue mich, dass die Semperit auch noch weiter ihre Handschuhe hier produziert". Zum Versuch, den MAN-Standort im oberösterreichischen Steyr zu retten, gab sich Schramböck bedeckt. Es gebe unterschiedliche Interessenten aus Österreich. Die Gespräche seien fortgeschritten, aber vertraulich. Diesen Fortschritt wolle sie nicht riskieren. Schramböck meinte aber auch, dass mit anderen die Gespräche schon fortgeschritten waren. Auf die Frage, wie wahrscheinlich der Erhalt des Werks ist, wollte sich die Ministerin nicht festlegen.

(APA / Redaktion)

Businessplan erstellen
Professionellen Businessplan erstellen inkl. Anleitung, Beispiele und Tipps von Finanz.at!
Daniel Herndler
Email: dh@finanz.at
Chef-Redakteur, Ressort-Leiter Steuern und Finanzen
Experte für Finanzen, Steuern, Wirtschaft, Arbeitnehmer
Redaktion | Kontakt | Twitter: @DanielHerndler | Salzburg
Daniel Herndler ist Wirtschaftsjournalist, Herausgeber und Chef-Redakteur des Nachrichtenportals Finanz.at. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Steuern, Finanzen und Wirtschaft.

Schlagwörter:

Kaufhaus ÖsterreichMargarete Schramböck

Mehr Schlagzeilen